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30.01.09

Der tiefere Blick

Wer sich aktiv am Kampfkunstgeschehen beteiligt und seiner Passion auch schon einmal reisend nachgeht, der wird sich immer mal wieder geärgert haben, daß seine geistige Aufnahmekapazität sehr limitiert ist. Bei Seminaren mit sehr guten Lehrern ist der hintergründige Informationsfluß oft der derart groß, daß man als Schüler meist nur einen Bruchteil behält und davon, weil die Zusammenhänge mit der Zeit verloren gehen, auch nur ein weiterer Bruchteil einigermaßen verstanden wird.

Gerade im amerikanischen Raum bemerkt man immer wieder Schüler, die sich während der Vorträge der Lehrer seitenweise Notizen machen. Manch einer bemüht sogar ein Diktiergerät, was allerdings bei den Voraussetzungen in einer Halle nicht mit guter Tonqualität belohnt wird. Der Hall überdeckt vieles und selbst leiseste Geräusche in der näheren Umgebung lassen Halb- oder auch ganze Sätze verschwinden. Das Endergebnis ist somit nahezu zu einhundert Prozent unbefriedigend.

Das es auch professioneller geht beweist Christopher Curtis sensei, Chief Instructor der Hawaii Ki Federation und offizieller Advisor für Deutschland und die Niederlande. Seine Exkurse über die Hintergründe und elementaren Wesenszüge der Kampfkunst werden schon seit einigen Jahren als Transkriptionen auf der Homepage der Hawaii Ki Federation veröffentlicht und somit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Das lädt natürlich zum wiederholten Nachlesen, Nachdenken und Nachfragen an.

Da aber selbst das Nachlesen im Internet oder aufwändige Herunterladen und Ausdrucken der Texte ein unangenehmer Aspekt ist, erschien 2007 das Buch "Letting go", welches 23 der wichtigsten Texte in einem Buch versammelt. Von dem Untertitel "Talks on Aikido" sollte man sich nicht verunsichern lassen. In vielen Kapiteln wird klar, daß es sich bei der Kampfkunst nur um den Bus handelt, den man auf dem Weg zu nehmen beschlossen hat.

Wer sich tatsächlich tiefer mit Kampfkunst beschäftigt wird hier eine wahre Schatzkiste an Wissen finden, die viele Aspekte aus Kampfkunst und ihrer Verbindung zum Leben selbst offenbart. Dieses Buch ist einer meiner Favoriten!

Beziehen kann man "Letting go" auf Seminaren der



oder direkt über die Homepage der



Hier einfach unter dem Menüpunkt "Products" nachsehen. Unter "Transcripts" kann man auch Leseproben und weitere Texte nachlesen.

Christopher Curtis "Letting go - Talks on Aikido"
MAKS Publications
306 Seiten, ISBN 978-0-9655021-0-8
Preis US$ 25.- (zuzüglich Porto) / EUR 25.-

15.01.08

Die Wahrheit in der Legende

Jeder, der sich für Japan, seine Geschichte, die samurai und/oder die Kampfkünste interessiert, hat es sicherlich im Buchregal stehen: Eiji Yoshikawas berühmten Roman "Musashi". Ja, auch ich habe ihn mehrfach gelesen und habe (wie die meisten anderen) immer diese pampige Gestalt mit dem wilden Aussehen von Toshiro Mifune vor Augen. Das ist also keine wirklich große Überraschung. Und wirklich lässt der Roman keine Wünsche offen, es gibt einen herrlich wilden Protagonisten, berühmte Zeitgenossen von Takuan Soho über Muso Gonnosuke bis hin zur berühmtesten Kurtisane ihrer Zeit, eine recht unglückliche Liebesgeschichte und bündelweise Nebenstränge. Insgesamt ganz große Unterhaltung und es ist nicht verwunderlich, das dieser Abenteuerroman zu einem der Literaturklassiker Japans überhaupt wurde. Zu dumm ist leider nur, daß Eiji Yoshikawa nur eine handvoll Überlieferungen hatte, aus denen er mit einigem Know-how in Sachen Geschichte und legendären Kampfkünstlern und ihren Schulen eine Geschichte schnitzte, die dem Charakterkopf Miyamoto Musashi zwar ein Denkmal setzte, aber mit den Tatsachen nur wenig zu tun hat. Somit blieb für die meisten Leser und Kinofreunde nur das Bild von Toshiro Mifune und ein paar wilde Geschichten. Wem das nicht reichte, versuchte in der Regel dem Menschen Musashi auf die Spur zu kommen, in dem er sich mit dem sehr kryptischen "Buch der Fünf Ringe" auseinandersetzte. Nur leider brachte das niemanden wirklich weiter und das wahre Leben Musashis dämmerte weiterhin im Dunkel der Vergangenheit.

William Scott Wilson wurde 1966 von einem Freund zu einer dreimonatigen Reise durch Japan eingeladen, die ihn per Kayak von Shimonoseki nach Tokio führte. Diese Reise, die u.a. für den National Geographic dokumentiert wurde, weckte in ihm die Faszination für Japans Kultur und Geschichte. Nachdem Wilson sein Studium der japanischen Sprache an der Universität abgeschlossen hatte, verbrachte er die nächste Zeit intensiv mit dem Studium er Edo-Periode. In dieser Zeit übersetzte er sein erstes Buch, das Hagakure, welches 1979 veröffentlicht wurde. Es folgten Übersetzungen von Miyamoto Musashi, Munenori Yagyu, Takuan Soho, Eiji Yoshikawas Roman "Taiko" und der Textsammlung "Ideals of the Samurai". Danach kehrte sein Interesse zu der Person Musashi zurück und er begann, dem Leben des legendären Kriegers in Japan selbst nachzuspüren.

Um Licht in das Leben des großen Kriegers, Künstlers und Philosophen zu bringen hat sich Wilson aufgemacht, das Leben Musashis zu rekonstruieren, ohne sich dabei auf Erfundenes zu stützen. Daraus wurde ein Buch, das uns tatsächlich sehr viel näher an das tatsächlich Geschehene heranbringt als es vorher möglich war. Mit dem bisher einzigen echten Biographen machen wir uns auf die Reise von den möglichen Geburtsorten (leider drei an der Zahl) über alle berühmten Stationen wie den Hozoin-Tempel und natürlich der Insel Funa / Ganryu bis hin zu seinem letzten Wohnsitz und Sterbeort. So schafft es Wilson, auch mit der Hilfe von Musashis bis jetzt noch existierenden Werken (seinem o.g. Buch, mehreren Kalligraphien sowie einer Schnitzerei des Fudo Myo-o), uns ein besseres Bild, das wir in vielen Dingen revidieren müssen, zu verschaffen. Auf gut 290 Seiten bietet das Buch "The lone samurai" aber nicht nur Text, sondern auch Bilder, die der Autor vor Ort fotographiert hat sowie Karten und gleich mehrere Anhänge, die sich um Musashis Leben nach dem Tod und seinem Buch beschäftigen und eine reichhaltige Bibliographie sowie (und das wird den Filmfreunde besonders gefallen) eine ausführliche Filmographie. Abgrundet wird das Buch natürlich noch mit einem Glossar und Fußnoten.

Insgesamt berührt das Buch jeden Aspekt, der die Figur Musashi auch heute noch so populär macht, vom Leben des echten Menschen bis hin zum "Popstar" Musashi, der in Filmen und sogar als Spielfigur weiterhin präsent ist.

William Scott Wilson "The lone samurai - The life of Miyamoto Musashi"
Kodansha International
288 Seiten, ISBN 978-4-7700-2942-3
Preis US$ 24.-

20.06.07

Nix für Schnarchnasen!

Kampfkunst-Biographien sind ja immer so eine Sache. Meistens wird glorifiziert, daß man den Inhalt nur noch zur Hälfte ernstnehmen kann. Eine gewisse Objektivität kommt oft abhanden, da der Biograph selten seinem Subjekt kritisch gegenüber steht. Noch gefährlicher wird es bei Autobiographien aus diesem Bereich.. Was habe ich da schon für Dinge gelesen! Wieviele während ihrer shodan-Prüfung im aikido schon von O-senseis Geist höchstpersönlich angeleitet wurden, da sind wohl so einige Überstunden fällig gewesen!

Robert Twigger bildet da eine löbliche Ausnahme, allerdings eine, zu der meine Meinung oft war: "Das kann der doch nicht ernst meinen!?!" Aber first things first: Herr Twigger hat in Oxford studiert, ist ausgewiesener Poet und hat sich auf das Abenteuer Japan eingelassen. In Tokio fristet er in einer 3-Mann-WG mit einem halblegalen Iraner und einem Australier ein eher ödes Dasein als Sprachlehrer. So weit, so unspektakulär, ebenso wie die Tatsache, daß die meisten Männer, die in den Anfängen der Dreißiger stehen, plötzlich ein gesteigertes Interesse an ihrer Fitness haben. Damit liegt in der Folge "Japan - 30 - Fitness" auch ein Interesse an Kampfkunst nicht fern. Jedenfalls enden diese Gedanken im Yoshinkan von Gozo Shioda.

Ab hier könnte den Leser eine beschauliche Beschreibung des Fortschritts erwarten, wenn nicht den guten Herrn Twigger der Teufel reiten würde beim einjährigen Spezialtraining mit der "Tokyo Riot Police" teilzunehmen. Von hier an beginnt eine Geschichte voller Schmerz, Ärger, Freude und Freunde und Trauer, die in ihren kleinen Zwischengeschichten aus dem täglichen Leben einen herrlichen klischeelosen Blick auf Japan enthüllt. Dazu werden die Kapitel immer wieder mit Anekdoten von Tesshu Yamaoka gewürzt, die immer einen Bezug zu dem gerade Geschehenden haben.

Irgendwie ha der Leser es nicht mit einem klar zu definierenden Genre zu tun. Es ist kein richtiges Kampfkunstbuch (obwohl man viel daraus lernen kann), es ist keine richtige Autobiographie (weil sich die Geschichte auf den Personenkreis der gaijin konzentriert), es ist kein Roman (obwohl ich manchmal lieber glauben würde, es wäre erfunden, ich es aber besser weiß) und kein Reisebericht (obwohl...mit dem kaputten Motorrad durch Tokio zum dojo?)

Ich jedenfalls habe mich köstlich amüsiert. Mit viel Humor und Fachwissen über Land und Leute geschrieben ist es ein hervorragendes Buch für den bevorstehenden Urlaub. Nur eins dürfte am Ende jedem klar sein: es gibt kein "Dazwischen" in der Kampfkunst, schon gar nicht im Training mit der "Tokyo Riot Police"!

Robert Twigger "Angry White Pyjamas - A scrawny Oxford poet takes lessons from the Tokyo Riot Police"
HarperCollins USA
316 Seiten, ISBN 978-0-688-17537-5
Preis US$ 15,00

26.05.07

Eine gute Gebrauchsanweisung...

...ist, was man dringend benötigt. Egal, ob man ein Navigationsgerät, eine Kaffeemaschine gekauft hat oder eine Kampfkunst beginnen möchte. Halt! Eine Gebrauchsanweisung für sowas? Hat man sowas schon gehört...

Und doch: man betritt eine fremde Welt mit ihren eigenen Regeln und Gepflogenheiten. Viele Dinge nimmt man nur diffus wahr und man akzeptiert sie, aber die Hintergründe bleiben verborgen. Und die Dinge sind derer viele: das dojo, die Übungskleidung, sensei, yudansha und mudansha, rei und was nicht noch alles. Ich persönlich habe mir oft gewünscht, eine Karte und einen Kompass für den gerade betretenen Dschungel bei der Hand zu haben, um Fragen zu beantworten, die ich nicht zu stellen wagte. Selbst nach den ganzen Jahren harter Übung wurde mir manches erst enthüllt, als ich Dave Lowrys "In the dojo: A guide to the rituals and etiquette of the Japanese Martial Arts" zum ersten Mal las. Ein wahrer Augenöffner! In dreizehn Kapiteln (plus einem Glossar) auf gut 210 Seiten erklärt Mr Lowry restlos alles, was man im dojo wissen muß und räumt dabei auch in Handumdrehen mit dauerhaft kursierenden "Legenden" auf, zum Beispiel die sieben Falten an der Vorderseite der hakama: man hört immer wieder, daß diese die sieben Tugenden der edlen samurai versinnbildlichen. Aber dafür gibt es keinerlei schriftlichen Beweis. Vielmehr ist es so, daß die drei Falten am rechten Hosenbein weniger Stoff beinhalten als die vier Falten der linken Seite. Und wir alle kennen den Grund, warum das so ist! Formell steht man immer mit dem rechten Bein auf und weniger Stoff bedeutet leichtere Bewegung! Das kann übrigens auf Seite 71 im Kapitel "The hakama" nachgelesen werden.

Sicherlich wird es Leute geben, die daran zweifeln, ob Mr Lowry überhaupt genug Erfahrung hat, über solche Themen zu schreiben (denn wer lässt sich schon gerne seine Legenden nehmen?). Aber sie können versichert sein: er hat! Seine Laufbahn innerhalb der Kampfkünste ist sicherlich spektakulär einzigartig und umfasst gut zwei Drittel seines Lebens. Aber auch das kann man in seinem Buch nachlesen! Ich kann nur sagen: so einen wie Dave Lowry gibt es nicht oft! Und: ich kaufe alle seine Bücher!

Dave Lowry "In the dojo: A guide to the rituals and etiquette of the Japanese Martial Arts"
Weatherhill / Shambhala Publications USA
207 Seiten, ISBN 0-8348-0572-3
Preis US$ 16,95

Der Griff ins Buchregal

Im Laufe der Zeit häufen sich viele Bücher an, gute und weniger gute. Ein paar derer, die ich für besser und nützlicher halte, möchte ich hier nach und nach vorstellen. Leider ist es so, daß das eine oder andere Buch vergriffen ist. Für diesen Fall habe ich unter "Shops" einen Link zur internationalen Antiquariatsplattform abebooks.de gesetzt. Es ist aus eigener Erfahrung sehr selten, daß man bei der Suche keinen Treffer landet!

Zusätzlich findet ihr unter "Shops" auch die Links zu Amazon in Deutschland und in den USA.