Posts mit dem Label Kleine Dinge - große Wirkung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kleine Dinge - große Wirkung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

10.05.09

Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß

Im Mai 1940 sah es in Großbritannien nicht rosig aus: das Land befand sich im Krieg und die konservative Regierung unter Arthur Neville Chamberlain wich einer neuen Allpartei-Koalitionsregierung. Ihr Kopf war niemand anderes als Winston Churchill. Seine Antrittsrede am 13. Mai, die eine seiner berühmtesten ist, drückte die Haltung aus, die er sowohl sich, seiner Regierung als auch dem Volk abverlangte:„I have nothing to offer except for blood, toil, tears and sweat“ („Ich habe nichts zu bieten außer Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“). Die Extremsituation des Kriegszustandes erforderte diese Konsequenz, eine Mischung aus Arbeit, Verletzung, Verlust und Trauer.

Während sich Nationen eher unfreiwillig einer extremen Belastung aussetzen, nimmt ein Kampfkünstler, der sich ernsthaft mit der von ihm gewählten Kampfkunst beschäftigt und an ihr wächst, diese Extreme als gegeben. Im besten Falle ist ihm vor, zu oder kurz nach Beginn der Übung klar, daß der Weg, den er von nun an beschreiten wird, gepflastert ist mit Plackerei, Erschöpfung, Verletzungen und Frustration. Es ist ein wichtiger Teil seiner geistigen Haltung, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Ausnahmslos jeder Kampfkünstler kommt an Punkte, die all seine körperliche und geistige Widerstandskraft und Ausdauer fordern, um nicht an ihnen zu scheitern. Diese Momente sind die absoluten Schlüsselpunkte in der Entwicklung.

Den Schülern der muto ryu war klar, daß diese Haltung für sie unabdinglich war. Die letzte Prüfung ihrer Ausbildung war das dritte seigan, eine Marathonprüfung mit eintausendvierhundert Zweikämpfen über sieben Tage, die die physischen und psychischen Grenzen der angehenden Schwertkämpfer ausloten sollte beziehungsweise sie hinter diese Grenzen führen sollte. Der erste Kandidat dieser Prüfung war Kagawa Zenjiro. Er erinnerte sich später:"Am ersten Tag begannen die Kämpfe 6 Uhr morgens. Zehn Gegner traten mir gegenüber und bis auf eine kurze Pause zu Mittag, konnte ich mich nicht setzen oder mich meiner Übungskleidung entledigen bis ich gegen 6 Uhr Abends zweihundert Kämpfe absolviert hatte. Dies war fordernd, aber ich war in guter Verfassung. Nichtsdestotrotz sandte Tesshu Sensei am Abend einen Boten mit der Nachricht:" Du läßt nach. Du mußt mehr geben."

Am zweiten Tag entschloß ich mich, alles zu geben, was ich konnte. Tesshu Sensei instruierte meine Gegner, kein Mitleid zu zeigen. Zum Nachmittag hin litt ich unter großer Ermüdung. Irgendwie absolvierte ich die geforderten 200 Kämpfe und humpelte heim. Meine Beine waren so geschwollen, daß ich kaum aufstehen konnte, um die Toilette aufzusuchen. Gegen Ende des dritten Tages stolperte ich durch das dojo, gerade noch in der Lage zu stehen. Gerade zu diesem Zeitpunkt kam ein ehemaliger Schüler ins dojo, ein Mann, der bekannt war für seine unfaire Taktik und nichts lieber tat, als seine Gegner ernsthaft zu verletzen. Mein Schmerz und meine Erschöpfung wichen; ich konzentrierte mich vollständig auf meinen verschlagenen Gegner.. Selbst, wenn er mir den Schädel einschlagen würde, er würde ebenfalls fallen. Mein Schwert hoch über meinen Kopf erhoben war ich bereit, hinüber zu springen, um mit ihm zusammen zu treffen, als Tesshu Sensei ausrief:"Exzellent! Exzellent! Hört nun auf!" Ich war verwirrt, weil ich die erforderliche Anzahl Kämpfe noch nicht bestritten hatte, aber Sensei bat mich, nicht darüber nachzudenken und nach Hause zu gehen. Meine Frau half mir am nächsten Morgen auf die Beine. Es regnete, aber ich konnte meine Arme nicht heben, um den Regenschirm zu halten, also legte mir meine Frau eine Decke um die Schultern. Ich ging zur Übungshalle in der Gewißheit, daß dies mein letzter Tag auf Erden werden würde - ich war fest entschlossen, eher zu sterben als das seigan nicht abzuschließen. Als ich ankam, wartete Tesshu Sensei bereits auf mich. "Bereit, weiter zu machen?" fragte er mich. "Ja!" antwortete ich sofort. Zu meiner Überraschung wies mich Sensei an, zu stoppen und ließ die anderen Schüler den Übungstag abschließen." Kagawa hatte den Sinn der muto ryu erfasst und mußte nicht weiter geprüft werden.

Es sollte noch hinzugefügt werden, daß sich diese Prüfung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zugetragen hat, also zu einer Zeit, als das Führen eines Schwertes nicht mehr dazu diente, die Unversehrtheit von Leib und Leben zu sichern.

Wie kommt jemand dazu, sich freiwillig solch einer Tortur zu stellen? Oder anders gefragt: warum bevölkern heutzutage Schüler dojos, deren Hauptbeschäftigung oftmals so aussieht, daß sie über mehr oder minder große Wehwehchen jammern? Oder noch anders gefragt: Ist der durchschnittliche Schüler überhaupt bereit, seinen geistigen und körperlichen Ist-Zustand seiner geistigen und körperlichen Entwicklung unterzuordnen?

Nehmen wir mich selbst als Beispiel: ich war physisch nie sonderlich stark. In meinem rechten Knie ist kaum noch Knorpelmasse vorhanden, in meinem linken Knie fehlt der Innenmeniskus und das innere Kreuzband ist auch hin. Mein rechtes Bein ist mehr als einen Zentimeter kürzer als sein linkes Pendant. Ich trage einen Keil im Schuh, da sonst der Hüftschiefstand Schmerzen bis in die rechte Schulter hervorruft. Ich trage eine Brille und kann seit kleinauf nicht richtig räumlich sehen. Allein diese Defizite würden mich dazu prädestinieren, ständig Ausreden zu suchen, warum ich etwas nicht tun möchte.

Nun wird gerade das kultiviert, anstatt an diesen Defiziten zu arbeiten. Ich fahre viel Rad, um die stützende Muskulatur auszuarbeiten. Durch das Laufen auf den vorderen Fußballen kann ich den Schiefstand kompensieren. Ich übe ohne Brille, um das fehlende räumliche Sehvermögen mit räumlicher Erfahrung wett zu machen. Das sind Opfer, die ich bringen muß, um an der Übung teilnehmen zu können - ohne zu jammern.

Habe ich schwache Handgelenke, muß ich die Handgelenke stärken. Habe ich einen schwachen Rücken, muß ich ihn stärken. Das gilt für jedes Defizit.

Selbstverständlich bin auch ich nicht gefeit gegen Ermüdung, Verletzung, Frust oder Wut. Aber ich bin bereit, das in Kauf zu nehmen und Opfer dafür zu bringen. Das ist die Haltung, mit der ich mich auf den Weg mache. Ich habe immer noch die Wahl, aufzuhören. Aber ich bin mir von vornherein darüber klar, worauf ich mich da einlasse.

Kagawa-san ist übrigens nur einer von dreien, die das seigan bestritten haben. Ich persönlich ziehe meinen Hut vor diesen Männern und bin doch froh, das nicht tun zu müssen. Aber selbst wenn: ich hätte es ja von Anfang an gewußt...

Das ich Churchill als Aufhänger genutzt habe bedeutet nicht, daß ich den Krieg glorifizieren möchte. Vielmehr ging es mir um das Zitat und das, was es ausdrückt. Wer allerdings glaubt, daß Kampfkunst keine Extremsituation sei, der sollte sich und seine Tätigkeit grundsätzlich überdenken. Kampfkunst ist so extrem, wie das Leben extrem ist.

16.07.08

Yamaoka Schweinsteiger

In einem der paar Internetforen, in denen ich anwesend bin und auch schon einmal selber schreibe, habe ich in einer Antwort auf das unten publizierte Schreiben von Dr Kobbé einen sehr bemerkenswerten Satz gefunden. Dort steht geschrieben, daß der Verfasser es nicht gut findet, "wenn wir Budo als etwas Tiefgründigeres darstellen, als z.B. Tischtennis oder Fußball". Er relativiert die Aussage zwar als "überzogen", aber trotzdem spiegelt das eine gewisse Sichtweise wieder, die doch recht weit verbreitet ist.

Ich habe das "Vergnügen", ein paar Fußballspieler als Kollegen zu haben. So habe ich quasi die Möglichkeit, Feldforschung am lebenden Objekt zu betreiben. Was mir umgehend aufgefallen ist, ist die Tatsache, daß deren Disziplin sich auf die 90 Minuten auf dem Feld beschränkt. Im Geschäfts- und Privatleben sieht es dagegen eher mau aus. Darauf angesprochen bekam ich folgende Antwort: "Das ist doch hier etwas ganz anderes!"

Kampfkunst dagegen endet nicht beim Verlassen des dojos nach einem Übungsabend oder einem taikai. Kampfkünstler wissen ganz klar, daß sich ihre gewählte Kunst über jeden Aspekt ihres Daseins erstreckt. Die Tugenden, die sie unter ihrem Lehrer üben, bewahren sie sich auch in ihrem täglichen Leben.

Die angesprochene Disziplin ist für einen Kampfkünstler lebensnotwendig, denn sie umfasst viele Dinge, nicht nur reine Pünktlichkeit. Vielmehr sind Dinge wie ständige Aufmerksamkeit und "bereit sein" unabdinglich. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn unsere Fußballer während ihres Broterwerbs ständig faseln und abgelenkt sind, anstatt sich auf ihre Tätigkeit zu konzentrieren. Kein Kampfkünstler, den ich kenne, macht so etwas. Und es ist egal, ob sie einen hochdotierten Job wie Anwalt oder Arzt haben, oder ob sie Student oder erwerbslos sind. Sie sind bei dem, was sie tun.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Bewegungsqualität. Auf dem Platz bewegen sich Fußballer sehr gefasst, aber wie bewegen sie sich neben dem Platz? Man sieht oft dieses unglaublich dynamische Gehen, die Schultern rollen und der Oberkörper wankt hin und her, wie man es aus Hollywoodfilmen kennt und was mich irgendwie an meine Katzen erinnert. Kampfkünstler gehen so nicht. Sie gehen als "ganzes". Sie vermeiden unnötige Bewegungen und hinterlassen nie den Eindruck, als würde sich ein Körperteil ohne den anderen bewegen.

Diese Bewegungsqualität ist auch ein Indiz für den geistigen Zustand. Wenn Kampfkünstler sich gefasst bewegen, dann kann man sogar deutlich sehen, daß auch ihr Geist gefasst ist und sich im Einklang mit dem Körper bewegt. Kann man das über Kicker auch sagen?

Ebenfalls spannend ist, sich diese Idole der Jugend einmal anzuhören und sich dazu seine Gedanken zu machen.

Ich könnte jetzt noch etliche Beispiele aus dem Medien zitieren, die mit Fußballspielern und ihrer Auffassung des Lebens zu tun haben, aber das würde den Rahmen sprengen. Wichtig ist noch ein weiterer Punkt: Kampfkünstler wissen, daß sie bereit sein müssen zu sterben, um ihre Übung frei auszuführen. Diese Bereitschaft ist ein elementarer Kern des budo. Daran üben alle Kampfkünstler bis an ihr Lebensende und sie lassen sich nicht aufhalten, denken wir nur an Yamaoka Tesshu, der selbst dann, als der Krebs seinen Magen auffraß, noch jeden Tag ins dojo ging, um seine Übungen zu verfolgen oder auch Kaofujita, der selbst in hohem Alter immer wieder zu seiner allerersten gelernten Übung zurückkehrte, weil er sie immer noch nicht gut beherrschte. Budo dauert das ganze Leben, ein Spiel dauert nur 90 Minuten. Das allein ist ein Riesenunterschied.

Kampfkunst ist eine Anleitung zum Leben. Ist das tiefgründig genug?

06.07.08

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

oder: Klage eines Iaidoka

von Ulrich Kobbé

gasshou 合掌!

Wenngleich diese förmliche Anrede ungewöhnlich oder befremdlich sein mag, so ist sie zugleich Hinweis auf den Tenor dieses Beitrags: Sie erweist dem Leser die Referenz des – ursprünglich vom Zen kommenden – Verfassers. Und sie gibt zugleich an, vor welchem Hintergrund dieser in Briefform gehaltene Beitrag entsteht: vor dem einer Art ‚Doppelzugehörigkeit’ zu den Übungswegen des Zen und des Iaido.

Entstanden sind die hier öffentlich gemachten Überlegungen im Laufe einer Reihe von Monaten, in denen ich anderen Iaidoka zugehört, das Seminargeschehen mitverfolgt, das Iaido-Journal gelesen habe und auf einen zunehmend bemerkbaren Zwiespalt aufmerksam wurde.Fangen wir mit Beispielen aus dem Journal an:

* Da erscheinen in der Oktoberausgabe 10/2006 auf Seite 17 Zitate aus Prüfungsantworten als so genannte „Stiehlblüten“ und der Schreiber – immerhin Komitee-Mitglied und Sensei, 6. Dan Iaido – bezeichnet diese, „natürlich ohne jemanden zu diskreditieren“, als „lustig“. Dass sich ein Iaidoka in einer Prüfung mitunter ungeschickt ausdrückt, ist nur allzu menschlich – dass ein Lehrer und Prüfer sich darüber auf diese Weise darüber erhebt, sollte nach seinem Selbstverständnis im Lehrer/Schüler-Verhältnis fragen lassen: War es nicht so, dass das Unvermögen des Schülers – bestmögliches Bemühen vorausgesetzt – auf den Lehrer zurückfällt? Ist es nicht so, dass die Überheblichkeit des einen die Entwertung des anderen beinhaltet?

* Und im selben peinlichen – ja, Pein (= Schmerz) verursachenden – Iaido-Journal stellt sich auf Seite 23 ein Verein mit dem Motto ‚Nicht Ritzen, sondern SCHLITZEN!!!!!!!!!!!!’ vor … und enthüllt dabei mehr, als der Verfasser, 4. Dan Iaido, ahnt: Wenn denn die elf Ausrufungszeiten in ihrer unbescheidenen Selbstbejahung nur Symptom sein dürften, verweist die unreflektierte ‚Hau-drauf-Mentalität’ eines Dojo, der zudem damit wirbt, „bei Feiern einfach die lauteste und witzigste Gruppe“ zu sein, auf mehr als nur ein Problem.

Allein diese beiden Beispiele werfen Fragen auf nach dem Selbstverständnis der im DIaiB organisierten Iaidoka, nach der Funktion von Komitee und Sensei, nach der Bedeutung der Dan-Graduierungen – und nach der fehlenden Auseinandersetzung darüber.

Nach wie vor gehe ich davon aus, dass Iaido eine Budo-Disziplin ist. Wenngleich die Bezeichnung ‚Disziplin’ bereits auf die dabei geforderte Selbstdisziplinierung der diesen Schwertweg Übenden hinweist, scheinen sich die Koordinaten der Leitidee dieses Übens verschoben zu haben: Könnte es sein, dass Wettkampf (Euro-Taikai, Deutsche Meisterschaft) und Kampfsport mittlerweile einen so zentralen Platz im Verband einnehmen, dass die Ideale des budo – als geistiger Weg einer Kampfkunst – dabei komplett in den Hintergrund verdrängt wurden und werden? Wer primär um erste Plätze, um Siegerehrung, um Beachtung, um Selbstbeweis kämpft, betreibt Iaido eher als einen Wettbewerbs- und Kampfsport – Kampfkunst hingegen ist etwas, das Möglichkeiten der Selbstfindung, der Selbsterkenntnis, der Vervollkommnung geistig-seelischer Fähigkeit, der Persönlichkeitsentwicklung enthält. In diesem Sinne ginge es um eine Schwertarbeit mit den Aspekten der Verwirklichung einer ethischen Haltung, der achtsamen Selbstveränderung, des entschlossenen Strebens nach Wahrheit, des prinzipiellen Gewaltverzichts.

Bei Durchsicht der Lehrgangsprogramme scheint mir, dass diese spirituellen Voraussetzungen der Kampfkunst ‚Iaido’ – bis auf höchst vereinzelte budo-pädagogische Ausnahmen – im DIaiB nicht (mehr) als zentrale Werte geachtet, geschweige denn vermittelt werden. Dies könnte als eine neue Akzentuierung verstanden werden, als Geschmacksfrage, Variante oder Neuerung, doch verkommt Iaido ohne Budo-Fundament zu etwas gänzlich Anderem, das zwar noch diesen Namen als leere Worthülse führt, jedoch nur noch ‚geistlose’ Schwert- und Kampftechnik zu sein vermag. Im Sinne traditioneller Budo-Kampfkunst machte dies den Unterschied aus zwischen uchi-deshi 内弟子, dem inneren Schüler, der den spirituellen Weg der Schwertarbeit geht, und soto-deshi 外弟子, dem ‚äußeren’ Schüler, der keinen Zugang zur inneren Lehre hat und nur an technischem Können interessiert ist.

Ob der einzelne Iaidoka dies oder jenes will, muss ihm selbst überlassen bleiben. Doch müssen sich das Komitee und die hochgraduierten Iaidoka in ihrer Funktion als – potentielle – Vorbilder und Sensei fragen lassen, wie sie sich diesen Fragen stellen. Wenn der Lernweg des shitei, die Lehrer/Schüler-Beziehung, von Prinzipien des giri 義理, Pflichtgefühl / rechte Haltung, des nesshin 熱心, eifriges Streben, und des jitoku 自得, Selbstvorteil durch Selbstlernen, geprägt sein bzw. dies möglich machen soll, dann stellt dieses Ideal hohe Anforderungen an die Person des Lehrers. Im Ernst setzte dies ggf. voraus, sich konsequenter an den durch Soejima Sensei fortgeführten Prinzipien von Sagawa Sensei auszurichten, da sonst die Sonderausgabe des Iaido-Journals oder die embukai 演武会für Sagawa Sensei ebenso zu Schein und Äußerlichkeiten gerieten, wie es fraglich auch der Abdruck des tenugui 手拭いvon Soejima Sensei im Aprilheft 11/2007, Seite 5, wäre: Dessen Hinweis auf den gebotenen ‚Anfänger-Geist’ ist sicher nicht lediglich routinierte Wiederholung eines Prinzips der Zen-Praxis – er könnte als eine mahnende Erinnerung, ja, vielleicht auch als ein Verweis des Sensei verstanden werden, sich diese geistigen Grundlagen des Iaido erneut zu vergegenwärtigen…

Ich selbst habe, wie die Angaben im Kopf dieses Beitrags ausweisen, weder Kyu- noch Dan-Grad. Dies aus gutem Grund: Graduierungen fungieren als Voraussetzung zu okuden 奥傳, zur Vertiefung der inneren Haltung im Üben der Form, wie ein Sieb, wie ein Test des sichtbar werdenden Potentials. Doch als institutionalisierter Wertmaßstab des (technischen) Könnens laufen diese Graduierungen Gefahr, Selbstzweck zu werden, nur noch dem Verband zu dienen und den Übenden illusionär verkennen zu lassen, die Meisterschaft des Budo und/oder des Iaido liege im Wert beurkundeter Dan-Grade oder gewonnener Wettkämpfe. Dies ist sicher nicht der ‚rechte Weg’, denn ‚Meisterschaft’ beweist sich letztlich selbst. Seinen Weg muss der Übende selbst entscheiden. Für mich beinhaltet, keinerlei Graduierung zu haben, das Wesen des shoshin 初心, des ‚Anfänger-Geistes’: Er ist rein, einfach, leer. – Was die Übungsleiter / Lehrer des Iaido jedoch betrifft, so setzt deren Status einerseits voraus, dass sie als Weglehrer diesen inneren Kampf um mehr als nur technische Perfektion auch ‚leben’ (müssten), dass sie sich andererseits aber auch gewahr sein sollten, sich nicht selbst zum Lehrer (eigentlich: sensei 先生= Meister) ernennen, sondern nur von einem Schüler dazu gewählt werden – und diese Wahl annehmen / ablehnen – zu können.

Schluss und Schlussfolgerung dieser Klageschrift lauten mit aller Bescheidenheit eines Iaido-Schülers, dass der DIaiB in seiner Verbandspolitik (auf-)gefordert ist, sich des Zen-Leitmotivs von Soejima Sensei zu erinnern, d. h. sich keiko 稽古, der Übung des Budo, zu entsinnen und „nicht (zu) vergessen, wie bescheiden und mit welcher ernsthaften Absicht man begonnen hat“.

In diesem Sinne – gasshou 合掌,
Ulrich Kobbé

------------------------------------

Zur Person:

Dr. Ulrich Kobbé ist u. a promovierter Psychologe, psychoanalytischer Psychotherapeut und Dozent an der Ruhr Campus Academy der Universität Duisburg-Essen. Mit weiteren Wissenschaftlern gibt er die Zeitschrift "Psychologie und Gesellschaftskritik" heraus (http://pug-online.de). Er praktiziert zen länger als er iaido übt und weist sich selbst dadurch aus, auch im praktischen kumitachi auch physisch gut austeilen und einstecken zu können, selbst wenn Blut fließt.

05.07.08

Ushiro Kenji über “genten” (1)

Ushiro Kenji, Okinawa Shindôryû Karate, Osaka, Japan
Aus dem Englischen von Stephan Yamamoto

Ursprüngliches Budô

Unsere Auffassung von Budô muß unbedingt im eigentlichen Zweck der Kampftechnik wurzeln, nämlich der Entscheidung über Leben und Tod im Zuge einer Schlacht. Darüber hinaus sollte unser Training ein tiefes Verständnis vom Leben, der Gedanken, der Persönlichkeit und des Geistes der Gründer beinhalten, deren Traditionen wir weiterführen.
Durch die Techniken, die unser Budô ausmachen, haben wir die Möglichkeit – und gleichzeitig die Verpflichtung – die Antworten zu finden, nach denen schon die Begründer selbst gesucht haben. Ich bin der Ansicht, daß es den eigentlichen Sinn des Budô bildet, wenn man diese Idee in der Gegenwart neu umsetzt.
Gleichzeitig bietet uns unser keiko (2) die Chance, Dualitäten (3) zu überwinden und unseren Körper ganzheitlich zu formen. Es ist an uns, unseren Geist zu entwickeln und durch die Einheit des Physischen und Spirituellen unsere Grenzen überwinden zu lernen.
Verlieren wir dieses Ziel aus den Augen und kommen so von unserem eigentlichen Weg ab, bedeutet dies auch automatisch den völligen Verlust dieses Weges. Unglücklicherweise haben wir meist den Punkt an dem es kein Zurück mehr gibt bereits überschritten, wenn wir diesen Verlust bemerken. Budô ist für ein solches Schicksal besonders empfänglich, da es sich um ein schwer zu beschreibendes, kulturelles Gut handelt, das direkt von Lehrer zu Schüler weitergegeben wird.
Heute erleben wir ein Aushöhlen der Kampfkunst. Es spielt keine Rolle, ob die jeweilige Disziplin Wettkampf praktiziert oder nicht: Der Trend, Budô rein als Sportart zu sehen, nimmt ständig zu.
Im Ergebnis wird die mehrfache Wiederholung von Techniken, die die Grundlage aller Kampfkunst bildet, zu etwas Oberflächlichem, während essentielle Inhalte wie Atmung und Ki zur Theorie verkommen.


Die Essenz des Budô: Harmonisierung

Die heutigen Karatestile haben die Ausbildung von Schlag- und Trittechniken und das freie Kämpfen zum Ziel. Obwohl beide den gleichen Namen tragen, haben das aktuelle Sportkarate und das Bujutsu-Karate jedoch ganz unterschiedliche Ziele.
In Bezug auf Schlagtechniken, die zweifelsohne einen der Kernbereiche des Karate bilden, hören wir oft den Ausdruck “mit einem Schlag töten.” Die Bedeutung dessen liegt dann in einer unglaublich wirkungsvollen Angriffstechnik. Wie dem auch sei, die Natur dieses Ausdrucks unterscheidet sich zwischen Sportkarate und Bujutsu-Karate ganz erheblich.
Im sportlichen Karate bedeutet “mit einem Schlag töten” einen starken Treffer zu landen. Dagegen ist im Bujutsu-Karate das primäre Ziel in den Gegner einzudringen – während man ihm damit gleichzeitig die Möglichkeit für einen Angriff oder eine Abwehr nimmt. Daher ist der Anspruch an das Training dieser beiden Sichtweisen ein jeweils völlig anderer.
Da Sportkarate das Augenmerk auf Schlagen und Treten legt, besteht das Training hauptsächlich aus der Arbeit am Makiwara und dem Sandsack. Im Gegenzug befaßt sich das Bujutsu-Karate primär mit der “Kontrolle durch Nicht-Schlagen” (4) – auch wenn das zunächst widersprüchlich klingen mag, nicht zu schlagen. Physisches Training an einem unbeweglichen Ziel ist daher von untergeordneter Bedeutung. Sicherlich kann ein solches Training eine Hilfe sein um die eigenen Fortschritte zu messen. Herkömmliches keiko legt darauf allerdings keinen großen Wert.
Schlagtechniken beinhalten den Schock des Aufpralls, „Nicht-Schlagen“ dagegen zielt auf keinerlei Schockwirkung ab. Im letzteren finden sich die Prinzipien der Harmonisierung (5), die dem echten Bujutsu-Karate zugrunde liegen.
Paradoxerweise entstammt die Energie für diese Harmonisierung der Kraft des Angriffs oder dem Potential eines starken Treffers. Harmonisierung alleine ist dabei nicht das Entscheidende, sondern sie ist lediglich Mittel zum Zweck. Sie bedeutet eher die absolute Kontrolle über Distanz und Timing, die es uns erlaubt, uns und unseren Gegner vollständig zu erfassen. Kata-Training im Karate bietet uns eine besonders effektive Methode, dies zu erforschen.
Auf die gleiche Weise wie wir die Fähigkeit Fahrradfahren nutzen und nie wieder verlernen, wenn wir es erst einmal können, werden wir die Techniken der Kata erst dann richtig anwenden können, wenn wir die Natur der Kata selbst verstanden haben. Jedoch ist die Kata kein rein körperlicher Vorgang wie das Fahrradfahren und daher schwerer zu verinnerlichen.
Könnten die Kata so benutzt werden “wie sie sind” wäre ihre Effizienz nicht in Frage zu stellen. Da aber die meisten Kata heute anders ausgeführt werden als ursprünglich in den okinawanischen Schulen, sind sie durch den rein sportbezogenen Zugang zunehmend unbrauchbar als Kampftechnik geworden. In der Konsequenz hängt es vom Lehrer ab, ob die in den Kata enthaltenen Prinzipien noch umgesetzt werden können oder nicht. In anderen Worten: Der Lehrer selbst wird zur Essenz der Kata.
Genau so wie multiplikatorische Tabellen die Basis für die Arithmetik bilden, bilden die Kata die Basis von Budô und Bujutsu. Nur durch wiederholtes Üben dieser Grundlagen können wir sie verstehen. Im Gegenzug können wir nur so konkrete Anwendungen entdecken und umsetzen. Gleichzeitig ist es ebenso wichtig, uns die Prinzipien der Harmonisierung im täglichen Leben zu eigen zu machen, da sie das Herz des Bujutsu bilden.
Schließlich bleiben die korrekten Anwendungen trotz aller meisterhaft ausgeführten Technik etwas, das erarbeitet werden muß. Es ist daher wichtig für unseren Fortschritt, uns auf die Essenz der Technik zu konzentrieren. Nur so können aus den Techniken angemessene Reaktionen innerhalb einer Angriffssituation werden. Das ist mit der Rückkehr zu den Ursprüngen des Budô gemeint.

----------------------
(1) 原点 jap. Ursprung, Ausgangspunkt. Gemeint ist “ursprüngliches” Budô.
(2) 稽古 jap. Training, Übung inner halb der Kampfkünste und der traditionellen schönen Künste Japans.
(3) Gemeint sind Gegensätze wie die Trennung von Körper und Geist oder des Menschen von seiner Umwelt, woraus scheinbar unüberwindbare Probleme entstehen.
(4) Im Originaltext heißt es “non striking control.”
(5) Im Originaltext heißt es „unification."


(Quelle: http://www.bujindesign.com)

28.06.08

Haltungsschäden

Eine ganz großartige Sache an der Kampfkunst ist, daß man selbst dann, wenn man seine Jugendzeit hinter sich gebracht hat, seine angelernte miserable Körperhaltung so zu verbessern, daß sich Wehwehchen wie zum Beispiel die weit verbreiteten Rückenschmerzen auf ein Minimum reduzieren lassen. Ich habe ja selbst Probleme mit einem zu kurzen rechten Bein und einem daraus resultierenden Hüftschiefstand, der früher enorme Auswirkungen bis auf den Schulter-/Nackenbereich hatte. Wie gesagt: früher. Heute geht es mir nach gut zehn Jahren auf der Matte sehr viel besser. Ich bin mir sicher, daß nur intensiver Ballettunterricht oder der regelmäßige Ritt auf einem Pferd einen ähnlichen Effekt gehabt hätte. Nun sehe ich aber in knallengen Tanzhöschen sicherlich dämlich aus (vom Tutu fange ich gar nicht erst an) und das "Horsemanship" beherrsche ich in Grundzügen, aber es ist nicht das, was mich tatsächlich anmacht. In der Übung der Kampfkünste lernt man recht schnell, wie man "ordentlich" steht, sitzt oder läuft. Seitdem überprüfe ich mehrfach täglich, ob ich gerade stehe, ob meine Schultern nicht nach vorne gesackt sind und das Brustbein nicht eingesunken ist und natürlich ob mein Gewicht auf den Ballen meiner Füße lastet und daß die Knie nicht durchgedrückt sind.

Leider ist das tägliche Leben eines durchschnittlichen Mitteleuropäers wie mir angefüllt mit Versuchungen, sich hängen zu lassen. Und natürlich erliege ich ihnen oft, meist vollkommen unbedacht, manchmal aber auch wohlwissend, das dies eine charakterliche Schwäche meinerseits ist. Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, oder?

Während sich der körperliche Haltungsschaden recht einfach und effektiv zum Besseren wenden lässt, wird den geistigen Haltungsschäden oftmals wenig Beachtung geschenkt. Ich rede hier nicht davon, daß einige unserer Zeitgenossen psychisch in einem instabilen Zustand seien - das ist nicht meine Baustelle und liegt eher den Fachleuten, nicht mir - ich meine die geistige Haltung zur Kampfkunst und allem, was sie mit sich bringt.

Im Laufe der Zeit ist ein Kampfkünstler gezwungen, eine Entscheidung zu treffen: nehme ich die Kampfkunst mit allem gebührenden Respekt als das, was sie ist, an oder lasse ich es bleiben? Im Grunde ist es wie bei der Wahl des Lebenspartners: entweder nehme ich ihn ganz mit allen Eigenheiten, die nicht nur Vorzüge sind; falls ich ihn so nicht akzeptieren kann, hat eine Beziehung keinen Wert und ist zum Scheitern verurteilt. Ich kann nun einmal nicht nur das bekommen, was mir Spaß macht, ich nehme auch das, was mühselig ist.

Interessanterweise scheinen viele meiner Zeitgenossen den Ernst ihrer Entscheidung nicht wahrzunehmen. Kampfkunst wird von der breiten Masse als Techniksammelsurium mit Wettkampftauglichkeit angesehen. Dinge, die mühselig oder auch gefährlich sind, weil sie mit Selbstreflexion oder Wahrnehmung des eigenen Einflusses auf die unmittelbare Umgebung zu tun haben, werden gerne ausgeblendet. Zwar wird gerne einmal vom Verbessern der eigenen Persönlichkeit oder noch schlimmer "irgendwas mit zen" gefaselt, aber so richtig daran arbeiten möchte kaum einer. Viele Verbände und Schulen gleichen da eher einem Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem es um Graduierungen, Posten, Wettbewerbsurkunden, Pokale oder der beeindruckenden Beherrschung der 198 kata der XY-ryu geht. Dabei treten Historie und Philosophie der Schule in den Hintergrund, das Andenken an Lehrer und Begründer wird quasi mit Füßen getreten und ganze Kampfkunstzweige werden so weit "europäisiert", daß sie eher einer Karikatur als dem bewahrungswürdigen Original gleichen.

Kampfkunst ist nichts, womit man herumspielt. Kampfkunst ist auch kein Sport.

Kampfkunst ist eine Anleitung zum Leben.

Kampfkunst ist kata und kumite; Kampfkunst ist Wettkampf. Kampfkunst ist aber auch Prüfung, Lehren und Lernen; sie ist Philosophie und praktische Anleitung sowohl zum Leben nehmen als auch zum Leben geben. Kampfkunst ist nicht nur ein Teil - sie ist ein Gesamtes.

Es gibt keine Möglichkeit, es anders zu sehen.

Leider ist es wegen der weit verbreiteten Arroganz nicht oder nur sehr schwer möglich, solche geistigen Haltungsschäden zu korrigieren. Viele nehmen das als nicht entschuldbaren Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte wahr. Dabei ist das, was sie der Kampfkunst antun, nicht entschuldbar. Ich hege allerdings immer noch die Hoffnung, daß sich daran etwas ändern wird.

06.06.08

Noch so ein Kreuz: die Verantwortung - mal wieder...

Stell Dir mal vor, Du gehörst zu der handvoll Leute, die tatsächlich ahnen, wo der Bartel den Most holt. Und stell Dir mal vor, diese paar Figuren stehen einer Armee von Leuten gegenüber, die zwar mit Dir im selben Verband organisiert sind, aber ansonsten nur auf "Technikorgien" stehen. Was wirst Du tun?

Mein Sohn, ich weiß genau: Du wirst eines Tages an genau dieser Stelle stehen! Und fange jetzt schon an zu überlegen, was Du tun wirst! Du hast diese Zeit nötig!

Hier sind Deine Möglichkeiten:

a) Du lässt alle labern und machst Dein Ding. Ohne weiter nachzudenken ist das sicherlich die erste Wahl. Nichts ändert sich für Dich, die äußeren Umstände sind ja eh egal und Du bist glücklich.

b) Du hängst Dich ´rein, in Strukturen und Hierarchien. Du machst Dir viele Feinde und nur wenige Freunde, nur um allen zu sagen, daß Du eine gewisse Ahnung von dem hast, was hinter dem Schwertknauf passiert / passieren sollte / passiert ist...Vielleicht ändert sich etwas. Vielleicht macht es Dich irgendwann glücklich.

Das klingt irgendwie nach der Wahl der Waffen. Und während ich hier weit nach Mitternacht sitze und meine letzte Pfeife rauche, frage ich mich, ob ich nicht die Pistole nehme und den Säbel den anderen lasse.

Oder wie Ogami Itto seinem kleinen Sohn die Wahl lässt, zwischen Sorglosigkeit (in diesem Fall der Tod) mit dem symbolisierten Ball oder der ständigen Gefahr und der ewigen Flucht (aber dem Leben) mit allen Konsequenzen durch das Symbol des Schwertes.

Was würdest Du tun? Ich will das wirklich wissen, also lass hören...

26.05.08

Das Kreuz mit der Tradition...

In Foren und auch auf vielen Homepages von Dojos oder auch "Kampfsportvereinen" lese ich immer wieder Verweise auf die Tradition der jeweiligen Kampfkünste. Besonders beliebt ist "traditionelles aikido", "karate in der Tradition von Funakoshi", "kendo ist eine traditionelle Kampfkunst..." oder ähnliches. Diese Formulierungen regen zum Nachdenken an.

Wenn man sich mit dem Begriff "Tradition" beschäftigt, dann wird schnell klar, daß es sich dabei um eine "Handlung, Tätigkeit oder Überlieferung" handelt, die über mehrere Generationen unverändert weitergegeben wurde. Jeder kennt verschiedene Traditionen: nehmen wir nur einmal den Weihnachtsbaum oder den Tanz in den Mai. Genau betrachtet umfassen diese Traditionen mehrere hundert Jahre.

Ueshiba entwickelte das aikido um 1930 herum; Kano erarbeitete das judo in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, Funakoshi etablierte das karate ungefähr zur selben Zeit; Nakayama, auf den die heute praktizierten Künste kendo und iaido zurück gehen, war auch zu dieser Zeit schöpferisch. Man kann also sagen, daß diese vier Künste, die heute weltweit recht populär sind, noch nicht einmal auf 100 Jahre Geschichte zurückblicken können.

Selbstverständlich sind diese Kampfkünste nicht einfach so vom Himmel gefallen. Die vier oben genannten sensei griffen auf viel ältere Künste zurück und brachten sie in die von ihnen inspirierte Form und Ordnung und legten das jeweilige Curriculum fest. Aber kann man aufgrund der kurzen Zeitspanne der modernen Kunst schon von Tradition sprechen?

Ich für meinen Teil tue mich da sehr schwer. Sicherlich berufe ich mich auch gerne auf die koryu, die Alte Schule, meiner Kampfkunst. Trotzdem ist die Kunst in ihrer jetzigen Form modern zu nennen. Die Tradition, auf die ich mich berufen kann, ist die wie ich übe, nicht was ich übe. Und die Art und Weise, in der ich übe, kann ich ohne Schwierigkeiten mehrere hundert Jahre zurückverfolgen. Und so ist die Tradition die Flamme, die ich weiter trage.

Denkt mal darüber nach!

14.04.08

Angemessen Maße messen...

Welche Messlatte muß ich anlegen? Was ist angemessen? Nach welchen Maß muß ich mich richten? Ist es vermessen, darüber nachzudenken?

Genug der lustigen Wortspiele; die fünf Euro für die Wortspielkasse habe ich auch schon gelöhnt! Und doch - man sollte über solche Dinge nachdenken, besonders, wenn man Kampfkünste betreibt!

Ich muß zugeben, daß es recht schwer ist, hier in Deutschland eine angemessene Anleitung zu bekommen. Wenige dojo haben einen direkten Draht nach Japan, um sich von dort instruieren und inspirieren zu lassen. Japanische Lehrer sind oft froh, der heimischen Strenge zu entkommen und die westliche Offenheit gebießen zu dürfen. Und nicht nur dadurch sind "unsere" Lehrer und Schüler von einem gewissen "laissez-faire" beseelt, das in manchen Fällen außer Kontrolle gerät.

Diejenigen, die das seltene Glück hatten (oder noch haben werden), in einem klassisch geführten dojo, beispielsweise in Japan, zu üben, wissen, daß dort einige Dinge anders laufen. Sensei zum Beispiel, wird immer mit sensei angesprochen, auf, neben oder kilometerweit entfernt von jeglicher Matte. Auch die Verbeugung wird öfter "praktiziert" als bei uns. Das Verhalten der Schüler untereinander ist sehr viel höflicher, Schriftverkehr entspricht immer einer Form. (Ok, auch ich habe, besonders was das Verhalten untereinander angeht, andere Dinge gehört. Bezeugen kann ich das nicht, da meine Erlebnisse grundsätzlich anderer Natur waren!)

Wir hier in Deutschland können uns jetzt nicht auf Deibel komm ´raus "japanisieren", aber wir können einen Schlüssel anwenden, der universaler gar nicht sein kann: REI! Wie ich schon einmal hier geschrieben habe, ist rei ein fester Bestandteil der Übung. Und das ist auch der Schlüssel, mit dem ich alles inner- und außerhalb des dojo in die Form bringen kann, die etwas oder jemand verdient. Ein "Hömma, wir mach´n ´n Lehrgang, kommste auch?" steht in einem krassen Gegensatz zu "Wir richten ein Wochenendseminar aus und würden uns freuen, Dich im dojo begrüßen zu dürfen" - wieviel rei ist jeweils enthalten? Sprache, Zusagen für Tatigkeiten oder Materialien, Verhalten, Erscheinungsbild, Pünktlichkeit, innere Einstellung, - alles ist von rei geprägt.

Leider scheint das Vergessen immer weiter um sich zu greifen. Es wird Zeit, die Wichtigkeit von rei weiter zu verbreiten, für Dich, für mich und für alle anderen. Rei ist kein Anhängsel der Kampfkunst, welches hingenommen wird. Es ist ein Grundbestandteil des Daseins.

Und, was ist? Machst Du mit?

Freiheit für das rei! Weg mit der Tubenmentalität!

03.04.08

Ein lohnenswertes Ziel...

Das Internet ist ein Dschungel und die "Erfindung" des sogenannten "Web 2.0" macht es uns Nutzern nicht einfacher. Wer von uns Kampfkünstlern hat nicht schon lange Stunden vor dem Rechner verbracht und sich durch die Weblogangebote der verschiedensten Anbieter geklickt. Die aufgesuchten Seiten haben oftmals einen eher zweifelhaften Inhalt und sind, wenn überhaupt, eher Kampfsportseiten als alles andere. Ich kann es den Autoren dieser Weblogs noch nicht einmal übel nehmen, daß ihre Sichtweise auf die Kampfkünste so flach ist und eher wie ein Relikt einer intellektuellen Steinzeit anmuten, denn leider sind echte, von gewissenhaften sensei geführte dojo in Deutschland eher spärlich gesät. Womit ich aber nicht sagen möchte, daß man auf diesen Weblogs ausschließlich groben Unfug lesen kann, aber er überwiegt deutlich.

So ist der interessierte Internetuser auf die Hinweise anderer angewiesen. Auf genau diesem Wege bekam ich folgenden Tip, der uns virtuell auf die andere Seite der Welt transportiert - genau gesagt nach Hawaii!

Wer, so wie ich, schon einmal das Glück hatte, auf den Hawaii-Inseln einige Zeit zu verbringen und, ebenso so wie ich, kein Interesse hat, seine Zeit ausschließlich am Strand zu verbringen, sondern idealerweise Kampfkünstler ist, wird feststellen, daß sich hier ein Martial-Arts-Mekka befindet. Zu vielen Schulen und Stilen findet man wirklich erstklassige dojo mit mehr als erstklassigen Lehrern, und das auf relativ kleinem Raum. Unter anderem gibt es da tatsächlich das



Kurator dieses Museums ist Charles C. Goodin, ein Mann, der offensichtlich karate lebt. So beschert er der Kampfkunstwelt nicht nur dieses sicherlich einmalige Museum, sondern beschreibt seine Gedanken für alle Welt nachlesbar in seinem Weblog




Viele Punkte, die Herr Goodin anspricht, sind allgemein auf jede Kampfkunst zu beziehen. Nur ein gewisser Teil ist speziell dem karate gewidmet und selbst diese Artikel können dem Leser Einblicke auch in seine eigene Kunst geben.

Eine Perle, die wirklich erst gefunden werden mußte. Eine meiner unbedingten Empfehlungen für eine Reihe sehr informativer Abende. Das ist das eigentliche Ziel aus der Überschrift. Aber vielleicht sollte ich mal wieder mein Geld zusammen halten, den Hawaii ist doch eine Reise wert...

24.01.08

Der Typ mit der extraweiten Marlene-Dietrich-Hose

Neulich saß ich mit einem meiner Mitschüler auf einer etwas größeren iai-Veranstaltung am dojo-Rand. Wir redeten über die verschiedenen Leute, die auf diesem Lehrgang anwesend waren (wir haben ausdrücklich nicht gelästert!) und über das, was sie so können und machen. Daraufhin machte ich meinen Freund auf einen Mann aufmerksam und sagte zu ihm:"Ich habe keine Ahnung, welchen Rang er hat, aber vor ihm muß niemand Angst haben."

"Wieso, kennst Du den?"

"Nein, aber schau Dir mal die hakama an. Siehst Du da irgendeine Falte?"

"Ääh..."

"Das Ding sieht aus wie eine Seemannshose. Vor jemandem, der keinerlei Präzision bei der Pflege der Kleidung aufbringt und augenscheinlich keinen Sinn für Ordnung hat, muß ich keine Angst haben. Er ist in allem so unpräzise und unordentlich, auch in der Übung."

"???"

"Ja, mein Bester, die Kleidung spiegelt die Geisteshaltung wieder!"

Es scheint vielen immer noch nicht klar zu sein, daß das, was wir tun, früher einer privilegierten Klasse vorbehalten war, dem Adel, der Upper-Class Japans. Jeder Japaner konnte ashigaru werden, aber samurai war man von Geburt an. Man stand nahe der Spitze der sozialen Pyramide, nicht an der Basis. Ich glaube nicht, daß irgendein Mitglied einer samurai-Familie dermaßen ungepflegt zu offiziellen Anlässen erschien.

"Ähm, Lars, kannst Du mir das nächste Woche mal zeigen?"

"Was zeigen?"

"Das Falten der hakama."

13.01.08

Am Abend nach der Schlacht...

Eine zum Glück nur oberflächliche Schnittwunde an der linken Hand, ein Hämatom kurz über dem Daumen der rechten Hand (da, wo die tsuba beim nukitsuki aufliegt), ein paar Blasen unter den Ballen beider Füße, ein spürbarer Kater in den Muskelpartien der Unterschenkel und im oberen Rücken, zwei verschwitze gis, eine unglaublich schmutzige hakama, neue Blötschen im bokken und ein iaito, das gefühlte vierzigtausend Schnitte und Stiche mehr gesehen hat...

...dazu etliche Liter verlustig gegangener Körperflüssigkeit und eine Menge Seife, um die Füße wieder vom Hallenschmutz zu reinigen...

...bereichert um neue Einsichten, beschenkt mit feinen Korrekturen und mit deutlichen Hinweisen, wo es eine Menge zu verbessern gibt...

...unterstützt von neuen Mitstreitern und alten Weggefährten...

...und dem Wissen, den Ersten kyu bestanden zu haben...

...the Road goes ever on and on...

20.12.07

Warum ich Prüfungen ablege

In unserem dojo dominierte in letzter Zeit die Prüfungsvorbereitung. Nicht, das wir alle geschlossen eine ablegen würden, nein, es dreht sich um zwei Schüler, die sich auf ihrem Weg auf den ikkyu einlassen wollen. Einer davon bin ich. Nach gut zehn Jahren innerhalb der Übung ist dies mitnichten meine erste Examinierung und ich bin an das Prozedere schon gut gewöhnt. Für mich ist das eine Aufgabe, die zu bewältigen ist.

Nun ist es aber so, daß verschiedene meiner Mitschüler (durchweg sehr gute und auch engagierte Schüler) keine Prüfung ablegen möchten. Sie sehen darin keinen Sinn und in mir kam die Frage auf, warum ich ohne zu zögern die Vorbereitung aufgenommen habe. Das sind meine Gedanken dazu:

Gedanke 1 - die Aufforderung zum "Tanz"

Nein, es gibt kein Ablehnen der Prüfung. Wenn sensei sagt, bereite Dich vor, dann bereitest Du Dich vor, und zwar ohne wenn und aber! Sensei weiß, daß Du schon längst über die erwarteten Anforderungen hinaus übst und lernst. Es gibt also nur ein minimales Risiko des Versagens. Warum also zögern? Gehe hin und zeige allen, was eine Harke ist. Du hast das Zeug dazu. Ach ja - es war keine Bitte, es war eine Aufforderung zu Prüfung...und die ist bindend!

Gedanke 2 - "Ticket to ride"

Für die Philosophen: Ihr habt Euch für eine Kampfkunst im Sinne des do entschieden? Dann ist die gewählte Kunst der Bus, mit dem Ihr auf dem Weg reist. Aber Eure gelöste Fahrkarte gilt nur bis zur ersten Haltestelle, dann müßt Ihr eine neue Karte lösen - und das ist die Prüfung. Es sei denn, Ihr wollt, das Euer Bus mit einer Dauerpanne am Straßenrand steht... die Aussichten an dieser Stelle werden sehr schnell sehr langweilig.

Gedanke 3 - Leben mit dem Schwert

Auch für Philosophen: so wie das Leben immer wieder Prüfungen für uns bereithält, so ist es auch in der Kampfkunst. Was macht man denn so üblicherweise, wenn das Leben mal wieder gnadenlos zuschlägt? Genau, man macht weiter. Es gibt allerdings auch Leute, die der Prüfung den Rücken kehren und davonlaufen. Wie nennt man die so? Feigling? Versager? Lusche? Niete? Wollt Ihr Euch das antun?

Gedanke 4 - Genealogie

Mein Lehrer hat von seinem Lehrer gelernt, der wiederum von seinem und dieser wiederum von seinem Lehrer. Somit kann man von Lehrer zu Lehrer eine Linie zurück verfolgen, die locker ein paar hundert Jahre umfassen kann. Als ich Schüler wurde, wurde ich auch ein Teil des Stammbaums der Schule, deren Übung ich verfolge und durch die Generationen hinweg bin ich ein Glied einer langen Kette von Lehrern. Und da auch die Lehrer nicht jünger werden, werden auch sie irgendwann einmal die Bühne verlassen müssen. Jemand muß die Lücke füllen - Tradition verpflichtet. Auch mich.

15.11.07

Der stumme Diener

Gut, der "stumme Diener" ist vielleicht nicht die beste Metapher, die ich hätte finden können, aber sie ist auch nicht so falsch. Warum? Das ist relativ einfach.

Wir sind hier in Deutschland in eine gewisse "Nehmermentalität" verfallen. Für viele ist der Gang zur Übung etwas, das einer Art "Unterhaltung" nahe kommt, die ja schließlich bezahlt wurde. Über die erforderliche Einstellung dazu habe ich ja schon dann und wann gebloggt und ich werde es mit tödlicher Sicherheit noch mehrfach zu verschiedenen Aspekten tun, aber nicht jetzt. Mir geht es um etwas anderes: um ein bestimmtes Verhalten des Schülers im dojo.

Leider üben wir in einer ganz profanen Sporthalle einer Grundschule. An solchen Räumen ist nicht sonderlich feierliches; es gibt meist noch nicht einmal einen Raum, in dem die wichtigsten Utensilien für eine adäquate dojo-Ausstattung, besonders der kamiza, aufbewahrt werden können. Also wird die kamiza jedes Mal neu auf- und abgebaut. Unser sensei kommt also jeden Abend bepackt mit Beuteln, der Kalligraphie sowie seiner gi- und Schwerttasche zum dojo - und beim Betreten der Halle nahm lange Zeit keiner etwas mit. Ich habe dann irgendwann angefangen, ihm ein paar Dinge abzunehmen und in die Halle zu bringen, meist die Kalligraphie und den Beutel mit dem Halter für Räucherstäbchen, Spiegel und der Buddhastatue. Ab und zu nehme ich auch seinen Schwertkoffer, der nun ja sein sehr persönliches Eigentum ist, mit hinein. Jedenfalls hat sich danach einiges verändert. Fenster werden geöffnet, die kamiza ist aufgebaut, bevor sensei das dojo betritt und ebenso wird nach dem Ende der Übung auch alles von uns Schülern wieder abgebaut und ordentlich verstaut. Und neulich sagte sensei zu mir, daß er dieses "kultivieren" möchte und fragte, warum ich das täte. "Um klar werden zu lassen, wer hier der Boss ist." Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

In erster Linie sind die Schüler für das dojo verantwortlich. Sie haben dafür zu sorgen, daß alles an seinem Platz ist. In japanischen dojos kümmern sich die Schüler sogar regelmäßig um die Reinigung und Instandhaltung der Übungsräume. Der Sinn der Sache ist, senseis Kopf und Aufmerksamkeit für die Vermittlung der Lehre freizuhalten. Je mehr Zeit für ihn gewonnen wird, desto mehr Gelegenheit haben wir, an seinem Können und seiner Weisheit teil zu haben. Diese Dinge kann man ohne großen Aufwand wortlos erledigen.

Dojo ist kein Nutzraum - dojo ist ein Aufgabengebiet!

27.08.07

Reden ist Silber, machen ist Gold!

Eines Tages bekam Tesshu Yamaoka Besuch. Es war der allseits bekannte Politiker Kiyokawa Hachiro. Dieser sagte zu Tesshu:" Ihr verschwendet viel zu viel Zeit, wenn Ihr zazen praktiziert! Während Ihr zazen sitzt, arbeitet Ihr dann auch für Euren Fürsten? Dient Ihr dem Volk? Oder der Nation?"

Tesshu antwortete mit einer Gegenfrage:" Seid Ihr Euch denn sicher, Eurem Fürsten, Volk und Nation zu dienen?"

"Natürlich tue ich das," schnappte Hachiro verärgert zurück. "Ich diene allen Tag und Nacht!"

"Entschuldigt bitte, daß ich das so sage," entgegnete Tesshu höflich, "aber ich glaube nicht, daß Ihr irgend jemandem dient außer Euch selbst. Eure Bediensteten daheim dienen Euch erwartungsgemäß jederzeit ohne Rücksicht auf ihre eigene Bequemlichkeit. Sie machen ihren Dienst nicht zu ihrem "Prinzip", sie gehen einfach stillschweigend ihren Verpflichtungen nach. Wenn Ihr den Wert Eures Dienstes am Staat überbewertet und über jeden geleisteten Dienst Buch führt, dann ist das keinesfalls ein erwiesener Dienst. Ihr macht diese Dinge hauptsächlich für den Erwerb irgendwelcher Auszeichnungen. Vergesst Euer Selbst, tragt Eure Landsleute im Herzen und haltet Euren Mund geschlossen. Tönt niemals lautstark über erwiesene Dienste an Eurem Land auf diese oder jene Weise - dann werdet Ihr wahrlich Eurem Vaterland dienen."

Die Art und Weise, über die Tesshu hier seinen vorlauten Zeitgenossen aufklärt, hat einen speziellen Namen: intoku. Das bedeutet:"Im Stillen Gutes tun." Tohei Sensei sagt im zwanzigsten Vers seiner ki-sayings:

"Just as the number One can never be reduced to zero, once we act or speak, our action or speech is never completely erased.

An old Oriental saying tells us, "Sow good, and the harvest will be good. Sow evil and reap evil." We must understand that everything we do comes back to ourselves.

Therefore before wishing for our own happiness and welfare and that of our children, we must do good in secret. To do good in secret means to act without seeking attention and praise, to act without any hope of reward. This is called intoku.

Among the various ways of performing intoku, to walk the way of the Universe and to lead others along this way is best."*

Nicht zu vergessen, bezieht sich intoku auf jeden Aspekt unseres Lebens: Privatleben, Arbeitsleben, dojo-Leben, virtuelles Leben. Also: ziehe aus und tue Gutes und Richtiges, aber rede nicht darüber...

(* als Zitat habe ich diesen Text im englischen Original wiedergegeben.)

19.08.07

Kampfkünstler-Advent

Ich liebe die Sonntags-Übungen. Sicherlich bin ich um sieben Uhr morgens nicht das Motivationsbündel, aber ich mache immer wieder die Feststellung, daß in den zwei Stunden oft große Dinge passieren.

Heute habe ich mir auf senseis Geheiß meine fünf kata für die nächste Prüfung ausgesucht und mich intensiv mit rei beschäftigt. Mir fällt zwar fast der rechte Arm ab und die Knie sind schon ganz schön wund, aber es hat riesigen Spaß gemacht.

So ist das mit der Zeit der Vorbereitung: sie ist wichtiger als der Große Tag selbst. Hier macht man große und kleine Entdeckungen; man feilt mit diebischer Freude an hübschen Kleinigkeiten; man saugt die besonders feierliche Atmosphäre der Besinnung auf das Wesentliche in sich auf und läßt sich von ihr tragen. Mit der Zeit fallen mir sicherlich noch mehr Dinge auf, aber im Moment...genieße ich die Zeit! Und ich habe noch ein ganzes Jahr davon und dafür vor mir!

Schön!

09.07.07

"Abteilung zur Vollkommenen Erleuchtung, vierter Stock"

Ich bin oft etwas ratlos, wenn ich sehe oder lese, daß Kampfkunst von vielen Praktizierenden nahezu ausschließlich über Techniken definiert oder verstanden wird. Da werden Griffe und Hebel gepaukt, Fauststösse und Schnitttechniken analysiert. Das dabei aber die Essenz der Kampfkunst ausgeblendet wird, wird im Zuge des dienstbeflissenen Auswendiglernens gerne übersehen.

Eines der wichtigsten Instrumente eines Kampfkünstlers ist sein Ego. Genau wie sein Schwert, daß ja (wie alle gerne und vollmundig wiederholen) den Zenit der Meisterschaft darin wiederspiegelt, nicht gezogen werden zu müssen, so sollte das Ego nicht in den Vordergrund gebracht werden. Aber in mindestens 99% aller Fälle im dojo ist das nicht der Fall.

Eher wird alles daran gesetzt, das eigene Ego aufzupolieren, in dem sich der Übende Technik um Technik aneignet und damit ein reichhaltiges Arsenal an "Verteidigungstechniken" parat zu haben. Und wenn das nicht reicht, wird noch eine zweite Kunst erwählt, oder eine dritte, oder...und wofür? Um für den "Fall der Fälle" gerüstet zu sein? Wenn wir alle einmal ganz ehrlich zu uns selbst sind, dann tritt dieser Fall genau dann ein, wenn wir daran mitwirken; oder es passiert nie.

Einige Kampfkünstler setzen ihre Übung so ein, um den Einfluss ihres Egos auf das tägliche Tun zu beherrschen, da sie wissen (oder ahnen), daß der Schlüssel zur Kampfkunst darin zu finden ist. Sie sind weise genug einzusehen, daß ihre Umgebung eine Spiegelung ihrer selbst ist, und somit ist die Beherrschung des Ego eine vortreffliche Verteidigung.

Eine schöne Metapher für jede Kampfkunst ist ein mehrstöckiges Haus ohne Keller mit Dachterasse. Wenn wir das Haus betreten, befinden wir uns im Erdgeschoß, wo Grundlagen und erste Techniken gepaukt werden. Das ist das niedrigste Level. Die Türen und Aufgänge zu der nächsten Etage sind nicht direkt sichtbar, sie eröffnen sich erst im Laufe der Übung. In der nächsten Etage wird zwar auch Technik gelehrt und gelernt, aber der Bezug hat sich geändert. Je höher man im Haus die Treppen steigt, desto mehr entfernt man sich von der reinen Technik und nähert sich der Dachterasse. Wenn man viel Zeit seines Lebens investiert, dann kann man das Glück, die Dachterasse betreten zu dürfen, erlangen. Und an diesem schönen Ort wird ihnen spätestens bewußt, das die unteren Etagen nur der Vorbereitung dienen und die Techniken aus dem untersten Level hier oben nicht mehr zählen. Hier hat man den Überblick über alles und die Dinge, die unten wichtig erschienen, sind hier oben lächerlich klein. (Danke Reinhard! ;) )

Die meisten der Kampfkünstler, die ich kenne, dürfen ab und an durch einen kleinen Spalt lugen und einen kurzen Ausblick auf das erahnen, was auch sie lernen könnten; und das nur, wenn einer der Bewohner aus den höheren Etagen zu den Grundlagen und reinen Techniken zurück kehrt. Aber leider sehen die meisten die Türen nicht, die zum nächsten Level führen, weil sie ihr Ego immer noch mit Techniken befriedigen müssen. Sie sehen immer nur einen kleinen Teil, aber nie das gesamte Bild.

Von denen, die sofort nach Betreten des Hauses den Fahrstuhl nach oben suchen, möchte ich hier gar nicht sprechen. Erst einmal gibt es keinen leichten Weg, und der beschwerliche Weg über die Treppe ist noch immer der Richtige. Aber ohne Tür...

01.07.07

Geld spielt (k)eine Rolle

Ab und zu, wenn ich ein Buch über die samurai lese, bleibe ich an der Aussage hängen, daß diese von uns ob ihres Strebens zur Perfektion verehrten Krieger keinerlei Bezug zu Geld hatten. Dies ist, wenn man sich die Umstände ihres täglichen Lebens ansieht, auch nicht sehr verwunderlich. Ihr Leben damals ähnelte sehr dem Leben der kasernierten Berufssoldaten heute. Und in der unruhigen Zeit der Bürgerkriege und scheinbar endlosen Aneinanderreihung von Schlachten und Gefechten hatte Geld auch keine Bedeutung. Dafür war in vielen Fällen das Leben einfach zu kurz.

Nach der Befriedung durch das Tokugawashogunat traten eine handvoll Kämpfer aus der gesichts- und namenlosen Masse der Armeen, die nun erwerbslos geworden waren, heraus und gaben der Kampfkunst das Gesicht, das es heute hat.

Musashis Werdegang setzte zu dem Zeitpunkt der Schlacht von Sekigahara ein, also zur Zeit nach den Bürgerkriegen. Er war arm und er blieb arm. Er strebte nun einmal nicht nach Geld und Macht, sondern nur nach der vollkommenen Kunst. In seiner Art des Extremen benötigte er auch keinerlei Besitz. Damit wurde er zwar zu dem Idealbild für ganze Generationen von Kampfkünstlern, hatte aber Zeit seines Lebens nie Familie oder ein eigenes Dach über dem Kopf. Er beendete sein Leben als Gast eines seiner Gönner. Sein Vermächtnis sind ein Buch, ein paar Kalligraphien und eine handgeschnitzte fudo myo-o-Statue.

Tesshu lebte, wenn auch 200 Jahre nach Musashi, ein ähnliches Leben in Armut. Dabei verdiente Tesshu regelmäßig Geld in seinen Anstellungen als Berater von Kaiser Meiji, aber er gab sein Geld immer gleich aus. Manchmal waren die finanziellen Mittel so knapp, daß er und seine gesamte Familie in einem hinfälligen Haus mit gerade einmal zwei tatami auskommen mußten und es nur alle paar Tage etwas zu Essen gab. Aber während Musashi sein Leben nur der Kunst hingab, verbrachte Tesshu seine Tage mit Erfüllung seiner dienstlichen Pflichten, der Übung und Verfeinerung seiner muto ryu, zen-Meditationen und (wenn es erforderlich war) Anfertigung von Kalligraphien zum Verkauf.

Zwei Ikonen der Kampfkunst, zwei Beispiele, zwei Entwürfe für das Leben. Hand aufs Herz: wie weit kommen wir mit Beispiel 1? Wir sind Musashi dankbar für seine Selbstsucht. Ja, richtig: Selbstsucht! Rücksichtslos hat er seine Vision der Kunst verfolgt, geradezu unsozial hat er sein Leben verbracht. Wir sind aber soziale Wesen, leben in Gemeinschaften und Beziehungen. Wenn wir so wie Musashi agieren, werden wir sehr einsam und bettelarm sein. Und beides sind keine erstrebenswerte Umstände. (Und Musashi war einsam. Immerhin dichtet Eiji Yoshikawa ihm in der fiktiven Biographie sogar Frauen (!) an! Und was macht Musashi? Er verschmäht sie allesamt. Ich kann mir das für mich nicht vorstellen! Was Musashi zu wenig hatte, hatte Tesshu zuviel. Er war eher ein "Ladies man", der er eine lange Zeit frauentechnisch ordentlich übertrieben hat, bis seine Frau ein energisches Veto eingereicht hat. Danach blieb er treu und widmete sich weiterhin nur der Verpflichtungen, der Kunst, dem zen und dem Geld verdienen.)

Offensichtlich hatte Tesshu etwas voraus. Er machte sich zwar nicht viel aus Geld, aber er erkannte durchaus seinen Wert und Nutzen. Von ihm stammt auch die Einsicht, daß der Weg des Kriegers und der Weg des Händlers identisch sind.

Ein mir bekannter Kampfkunstlehrer hat mal gesagt, wenn man sich keine unnötigen Sorgen um Geld macht, dann hat man immer welches. Das heißt nicht, daß man mit seinen finanziellen Mitteln sorglos umgeht. Vielmehr schenkt man ihnen soviel Beachtung, wie nötig ist. Das kann mal mehr, mal weniger sein. Und auch, wenn uns Geld nicht wichtig erscheint, so dürfen wir es nicht aus den Augen verlieren oder es unterschätzen.

Wie schrieb Musashi in seinem "Buch der fünf Ringe"?

Mache Dich mit dem Weg aller Berufe bekannt.

Habe acht auch auf die kleinen Dinge.

Da dieses Buch sein Vermächtnis ist, das er gegen Ende seines Lebens verfasst hatte, hat wohl auch er diese Einsicht gehabt. Es ist anzunehmen, das Tesshu das Buch auch gelesen hat. Auch wir haben fast alle diese Buch gelesen. Aber wir haben den Vorteil, solche kleinen Dinge früher verstehen zu dürfen.

17.06.07

Vom Wert der Grundschule

Als ich damals zum allerersten Male in ein dojo ging, um zu lernen, da bekam ich leider keine Schultüte so wie damals, als ich eingeschult wurde. Aber das Gefühl war für mich dasselbe, so wie die Situation die selbe war. Und so wie damals in der ersten Klasse die ersten Gehversuche in der Schreibschrift gemacht wurden, so machte ich (und mache heute noch) im dojo meine ersten Gehversuche in der Kampfkunst. Leider lernt man ja in der Schule nicht mehr viel, das man im täglichen Leben gebrauchen könnte. Man wird ein wenig erzogen und dann in einem Alter zwischen sechzehn und neunzehn Jahren auf den Rest der Menschheit losgelassen. Ich bin mir wirklich nicht so sicher, ob das so richtig ist.


Aber ich will mich nicht über das Schulsystem auslassen. Dazu gibt es andere Stellen. Ich rede hier von Kampfkunst, ausgeübt im dojo, angeleitet von einem Lehrer. Im Gegensatz zum normalen Schulwesen kehren wir in der Kampfkunst immer wieder zur Grundschule zurück, die wir gerne auch mal "basics" nennen.

Viele sind wahnsinnig davon genervt, immer wieder mal "von vorne" anzufangen. Im iai zum Beispiel gibt es die seitei. Dieses seitei iai haftet sehr stark an der Form. Es wird sehr viel wert auf die Stellung der Füße, das korrekte geradlinige Führen der Hüfte oder auch das präzise Schneiden gelegt. Jeder, den ich kenne, mag die koryu-Stile sehr viel mehr, weil sie freier in der Ausführung sind und sich eben nicht in den oben genannten engen Grenzen bewegen. Ich kann auch nicht gelten lassen, daß seitei unrealistisch sei. Vielmehr ist seitei die beste Grundlage, sich mit seinen eigenen Makeln des Körpergefühls und dem eigenen Anspruch und der Wahrheit auseinander zu setzen. Denn nur in der seitei zeigt sich, in wiefern der Körper die Kampfkunst "verstanden" hat. Und es ist schier unglaublich, wie viele unnötige Bewegungen wir machen. Und gerade wir sollten wissen, das jede Bewegung mehr ohne Sinn gleichzeitig unser Ende bedeutet. Für dieses Verständnis ist seitei das probate Mittel.

Wir durften damals im ersten Schuljahr recht früh mit Druckschrift und Kugelschreiber experimentieren, wo wir doch besser mit dem Federhalter richtige Schreibschrift hätten üben sollen. Das weiß ich heute. Aber unsere Lehrer waren ja ach so progressiv und meine Handschrift bleibt auf ewig versaut. Zum Glück haben wir aber in der Kampfkunst die Möglichkeit, immer wieder zum Beginn zurück zu kehren. Das ist nahezu unbezahlbar.

10.06.07

Woll´n se nich ´ne kleine Prise Moralin?

Der Begriff Moral (frz.: moral, v. lat.: moralis die Sitten betreffend; lat.:mos Sitte, Plural mores) bezeichnet:

* Die Gesamtheit der Normen, Werte, Grundsätze, die das zwischenmenschliche Verhalten in einer Gesellschaft regulieren und von ihrem überwiegenden Teil als verbindlich akzeptiert oder zumindest hingenommen werden (herrschende Moral; bürgerliche Moral sozialistische (Kampf)-moral). Gesetzliche Normen sind moralitätsneutral.
* Das sittliche Empfinden oder Verhalten eines Einzelnen oder einer Gruppe (hohe Moral; niedere Moral).
* In der Philosophie wird die Lehre vom sittlichen Verhalten des Menschen, auch Moralphilosophie genannt. (vgl. Ethik).
* Soziologisch kann man Moral als Instanz beschreiben, die es Individuen ermöglicht, in sozialen Systemen mitzuwirken, die zu komplex sind, als dass sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen wären.

Soweit die Wikipedia.

Vor längerer Zeit habe ich einen Artikel über einen sehr alten karate-Lehrer gelesen. Auf die Frage eines Interviewers, was denn das große Geheimnis einer langen Laufbahn innerhalb der Kampfkünste sei, antwortete dieser nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens: "Moralische Ausdauer."

Tatsächlich ist der moralische Radius eines Kampfkünstler recht groß. Er umfasst mehrere Ebenen seines Daseins:

Primus: der eigene Weg

Der innere Schweinehund ist ein widerlich hartnäckiges Tier. Ihn gilt es zu allererst, ständig innerhalb des eigenes Lebens zu besiegen. Eine Frage "Gehe ich heute ins dojo oder sehe ich fern?" stellt sich somit gar nicht - selbstverständlich gehe ich ins dojo. Das ist die Wahl, die ich zur ersten Stunde hin getroffen habe. Denn nur hier habe ich die Möglichkeit, etwas zu lernen, was ich ins tägliche Leben transportieren kann, um auch "neben der Matte" das Leben einer moralisch gefestigten Persönlichkeit zu leben.

Secundus: Der Weg der Anderen

Ob ich selber Schüler bin oder vieleicht sogar der Lehrer ist nicht wirklich erheblich. Wichtig ist als Schüler die Bedürfnisse des dojo zu erkennen und mitzuhelfen, die eigene Schule zu einer guten Schule zu machen. Dazu gehört auch, sich gegenseitig im Fortschritt zu beobachten und sich gegenseitig zu helfen.

Der Lehrer hat besonders die Verantwortung dafür, seinen Schülern die nötigen moralischen Grundwerte beizubringen und sie im dojo und im täglichen Leben vorzuleben, damit seine Schüler sich an ihm orientieren können.

Tertius: Der Weg des eigenen Lehrers

Jeder, ob Schüler oder dojo-Leiter, hat in der Kampfkunst einen Lehrer oder sensei, der als das Oberhaupt der Schule steht oder vielleicht sogar als aktiver Lehrer und Ratgeber in relativ unmittelbarer Reichweite steht. Ihm sind wir alle ausnahmlos verpflichtet, da er uns anleitet, die Lehre rein zu halten und sie zu lehren und zu leben.

Quartus: Das Haus der Lehre

Jeder, der eine Kampfkunst betreibt, weiß, daß ein dojo ein heiliger Raum ist. Um so mehr Aufmerksamkeit gilt es ihm zu schenken. Nicht nur, das es selbstverständlich sauber und aufgräumt ist, nein, auch seine dauerhafte Existenz muß gesichert sein. Ohne dojo keine Schüler, ohne Schüler keine Zukunft. Ohne Zukunft keine Lehre.

Kampfkunst ist im Gegensatz zu Kampfsport kein kurzweiliger Zeitvertreib. In der Kampfkunst liegen Moral und Verantwortung so verteilt wie in einer Ehe oder (noch besser) wie bei einem Priester.

Moralische Ausdauer? Ja, vom ersten Übungstag an...das Ende bleibt aber offen.

21.05.07

Made in Japan!?

Neulich habe ich mal wieder eine recht interessante Diskussion verfolgt. Sie drehte sich ursprünglich um die Frage, ob bei der Übung mit Komzepten gearbeitet wird oder nicht. Einer der Teilnehmer ließ dann verlauten: "Man sieht, Du bist Made in Japan!" Da wunderte ich mich doch sehr.

Wie kommt es denn zu so einer Aussage? Die Kampfkunst, um die es ging, ist eine japansiche Kampfkunst. Da stellt sich die Frage, ob somit überhaupt eine andere Sichtweise als eine japanische in Frage kommt.

Wir sind, was die Geschichte unserer Kampfkunst angeht, recht firm. Wir wissen, wer wann wo was entdeckt hat und kennen sogar eine ganze Menge Anekdoten. Wir können Orte benennen und wissen, wie Haltung und Technik korrekt ausgesprochen werden. Und manchmal wissen wir auch, was das ausgesprochene bedeutet! Wir müssen gar nicht mehr so sehr hinsehen: alles ist japanisch! Und wenn wir uns auf unsere vier Buchstaben setzen und uns mit den kulturellen Hintergründen auseinander setzen, sehen wir, daß alles noch japanischer wird! Alles, von der Bekleidung über Ortsbezeichnungen und Verhalten bis zum Sprachgebrauch ist japanischen Ursprungs.

Vielleicht ist "Made in Japan" nicht ganz richtig ausgedrückt. Was mich angeht: ich bin "Made by Japan"!